top of page
  • Whatsapp

Wenn Lernen seinen eigenen Weg geht

8. Okt.
3 Min. Lesezeit

Warum Kinder manchmal weniger Vorgaben und mehr eigene Lernräume brauchen


"Jedes Kind will sich entwickeln – und somit lernen. Aber auf seine Weise und in seinem Tempo.“

Dieser Satz vom Kinderarzt Remo Largo aus einem Interview von 2016 ist mir kürzlich wieder begegnet. Und ich bin daran hängen geblieben.

Denn genau diese Frage beschäftigt mich auch in meiner Arbeit mit Kindern:

Was passiert, wenn wir nicht immer schon wissen wollen, was ein Kind lernen soll, sondern ihm Raum geben, selbst etwas zu entdecken?


Kinder lernen nicht nach einem festen Fahrplan

Das klingt selbstverständlich. Und trotzdem sind Lernangebote häufig so gestaltet, dass alle Kinder zur gleichen Zeit mit ähnlichen Aufgaben, Inhalten und Erwartungen konfrontiert werden.

Das eine Kind möchte sofort ausprobieren. Ein anderes beobachtet erst einmal. Ein drittes stellt eine Frage, mit der niemand gerechnet hat.

Und manchmal ist genau diese Frage der interessanteste Moment.

Denn Lernen beginnt nicht immer dort, wo ich es geplant habe.


Was ich selbst im Wald gelernt habe

Ich bereite meine Waldtage gerne gut vor. Materialien werden zusammengestellt, Aufgaben überlegt, Lernziele formuliert und Abläufe geplant.

Und dann komme ich mit den Kindern in den Wald und merke:

Es braucht gerade viel weniger von dem, was ich vorbereitet habe.

Ein Kind entdeckt etwas. Eine Spur führt zu einer Frage. Aus einer kleinen Beobachtung entsteht eine Diskussion.

Plötzlich sind alle mit etwas beschäftigt, das in meinem ursprünglichen Plan gar nicht vorgesehen war.

Früher hätte ich vielleicht gedacht: Wir müssen noch zu unserer nächsten Aufgabe.

Heute denke ich häufiger:

Vielleicht ist genau das gerade unsere Aufgabe.


Und dann passiert etwas, das nicht geplant war

Im Wald ist nicht alles vorgegeben. Es gibt Materialien, Phänomene, Geräusche, Spuren und Herausforderungen.

Kinder beobachten, sammeln, vergleichen, probieren aus und entwickeln eigene Fragen.

Ein Kind entdeckt einen Frosch.

Ein anderes untersucht eine Baumrinde.

Ein drittes beginnt, aus Ästen etwas zu bauen.

Ein viertes fragt:

"Wie können die Bäume wachsen, wenn hier unten im Wald so wenig Sonne ankommt?"

Und plötzlich wird aus einer Beobachtung eine Forscherfrage.


Weniger Vorgabe heißt nicht weniger Pädagogik

Kinder einfach machen zu lassen, ist nicht automatisch gute Pädagogik.

Es braucht Erwachsene, die aufmerksam beobachten, Fragen aufgreifen, Lerngelegenheiten erkennen und den Kindern etwas zutrauen.

Die Frage verändert sich:

„Was möchte ich den Kindern heute vermitteln?“

und wird zu:

„Was zeigt sich gerade und welche Lernmöglichkeit steckt darin?“

Das verlangt Aufmerksamkeit und pädagogische Professionalität.


Ein Erlebnis allein macht noch kein Lernen

Auch im Wald gilt: Erleben allein ist noch kein Lernen.

Lernen entsteht, wenn wir innehalten, genauer hinschauen und Zusammenhänge herstellen.

Was hast du entdeckt?

Was glaubst du, warum das so ist?

Was könnten wir ausprobieren?

Hat sich deine Vermutung verändert?

Aus dem Erlebnis wird eine Frage. Aus der Frage wird Untersuchung. Aus der Untersuchung entsteht Erkenntnis.

Erleben → Fragen → Untersuchen → Erkennen → Weiterdenken



Was wäre, wenn Kinder nicht mehr, sondern andere Lernräume brauchen?

Largos Gedanke hat mich deshalb noch einmal über meine eigene Arbeit nachdenken lassen.

Kinder brauchen nicht ständig mehr Angebote, mehr Förderung oder mehr vorbereitete Aufgaben.

Sie brauchen manchmal:

Zeit. Vertrauen. Echte Herausforderungen. Raum für eigene Fragen.

Und Erwachsene, die genau hinschauen.

Der Wald kann dafür ein besonderer Lernraum sein. Nicht, weil dort automatisch besser gelernt wird, sondern weil er Möglichkeiten eröffnet, selbst tätig zu werden, eigene Fragen zu entwickeln und Erfahrungen zu machen.

Und deshalb bedeutet gute pädagogische Vorbereitung auch:

gut vorbereitet zu sein – und dann etwas davon loszulassen.


Wald entdecken. Forschen. Lernen.

Vielleicht beginnt Lernen manchmal genau dort,

wo wir aufhören, jedem Kind zur gleichen Zeit denselben Weg vorzugeben.



Quellen:

Largo, Remo (2016). Jedes Kind will sich entwickeln – und somit lernen. Interview mit Evelin Hartmann. Fritz+Fränzi, 15. April 2016.


Kommentare


Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Bitte den Website-Eigentümer für weitere Infos kontaktieren.
bottom of page